Die natürliche Schiefe bei Pferden – warum immer „vorne links“?

Von Christien Luckwaldt

Jedes Pferd ist schief. Manches mehr, manches weniger, aber schief sind sie alle. Von Antwortversuchen wie der Lage des Fohlens im Mutterleib über die Drehung der Erde bis hin zur Rechts- und Linkshändigkeit wie beim Menschen kommt man ziemlich schnell zur Anatomie.

Auf der rechten Seite des Pferdes liegt der Blinddarm, der fast die gesamte Flanke ausfüllt. Auf der linken Seite dagegen liegen die Schlingen von Dünndarm und Dickdarm. Der Blinddarm auf der rechten Seite kann bis zu 70 Liter fassen und ist für die Vergärung der festen Fasern, also beispielsweise Heu, zuständig. Wird nun stark blähendes Futter, wie Silage, aufgenommen, nimmt das Volumen des Blinddarms stark zu und es entsteht ein Ungleichgewicht in der Bewegung des Pferdes. Das kann man sich in etwa so vorstellen, als ob man in der rechten Hand eine volle Gießkanne trägt, in der linken aber nur ein Handtuch. Die Rechtskurven würden sich so deutlich leichter laufen lassen als die Linkskurven!

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Der aufgeblähte Bauch pendelt nun also deutlich stärker nach rechts als nach links. Es entstehen Fliehkräfte nach rechts. Genau das passiert übrigens auch in der Längsbiegung nach links, also beispielsweise auf einer Linksvolte. Um nicht „aus der Kurve getragen“ zu werden, bringt das Pferd das äußere, also das rechte, Hinterbein weiter nach außen. Es stützt sich nach außen ab und dreht dabei zusätzlich das Bein nach außen weg. Es tritt das typische Phänomen auf, dass das Pferd auf einem Zirkel auf der linken Hand deutlich nach außen driftet. Der äußere Schenkel muss hier deutlich mehr eingesetzt werden als auf der anderen Hand.

Durch die Außenstellung des rechten Hinterbeins geht der Schub dieses Beins mehr in Richtung vorne links als der Schub des linken Hinterbeins nach vorne rechts. Das linke Vorderbein bekommt deutlich mehr Druck auf die Innenseite. Um sich trotzdem ausbalancieren zu können und das Vorderbein unter dem Körper zu behalten, arbeiten die linken Brustmuskeln verstärkt und das Pferd nimmt den unteren Teil der Halswirbelsäule vermehrt nach rechts. Hier erklärt sich auch der Begriff „hohle Seite“, der sich allerdings entgegen der anatomischen Ursache nur auf die Halswirbelsäule selber bezieht.

Aufgrund des aufgeblähten Blinddarms, der also regelrecht „im Weg“ ist, kann das rechte Hinterbein nicht korrekt unter den Schwerpunkt fußen. Um das auszugleichen, muss das linke Vorderbein mehr stemmen. Der breite Rückenmuskel auf der linken Seite sowie die linke Brustmuskulatur werden immer stärker und ziehen aufgrund ihrer Ansatzpunkte das linke Vorderbein in eine Innenrotation. Das Pferd beginnt über die Innenseite des linken Hufes zu laufen, die Gelenke werden nicht mehr in der ursprünglichen Weise belastet und weisen so einen deutlich schnelleren Verschleiß auf. Auf der rechten Hand ist das meist weniger problematisch als auf der linken Hand, wo das Pferd über die linke Schulter kippt, da der linke Vorderhuf nicht mehr korrekt belastet werden kann. Eine Überbelastung des linken Vorderbeins und hier besonders des linken Fesselgelenks ist vorprogrammiert, da der Verschleiß des nicht physiologisch funktionierenden Gelenks deutlich höher ist. Erste Anzeichen hierfür können stampfen oder eingeschränktes einsacken des Fesselkopfes nach unten sein.

Da Ausnahmen aber bekanntlich die Regel bestätigen gibt es selbstverständlich auch Pferde, die auf der linken Seite „hohl“ sind. Meist liegt dieses Problem dann allerdings nicht an der Lage oder Füllung des Blinddarms, sondern eher an einem orthopädischen Problem, welches das Pferd so zu kompensieren versucht. Als Beispiel lässt sich hier eine Stützbeinproblematik vorne rechts nennen. Um das geschädigte Bein zu entlasten weicht das Pferd mit der unteren Halswirbelsäule nach links aus und es entsteht das gegenteilige Phänomen wie oben beschrieben.

Die natürliche Schiefe des Pferdes kann und muss durch gutes reiterliches, fahrerisches oder Training vom Boden aus bearbeitet werden. Teil des Ausbildungsweges ist nicht nur aus diesem Grund auch die Geraderichtung des Pferdes, die genau auf diese Problematik abzielt. Um gezielt an der Geraderichtung zu arbeiten empfiehlt es sich, ein gut durchdachtes Konzept mit einem Trainer seines Vertrauens auszuarbeiten, um Fehlbelastung und damit verbundene Risiken so weit wie möglich zu minimieren. Eine korrekte Geraderichtung ist nicht in kurzer Zeit zu erreichen und hat damit ihren Platz direkt unter der Versammlung, der höchsten Kunst des Reitens, in der Skala der Ausbildung mehr als verdient.


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