Die Skala der Ausbildung – Alter Zopf oder trainingsphysiologisch sinnvoll ?

Von Christien Luckwaldt

Die Skala der Ausbildung ist das Herzstück der klassischen Reitlehre und der Leitfaden des Ausbildungsweges des Pferdes. Allerdings ist dieser Leitfaden aus dem Jahr 1937 und damit gut 80 Jahre alt. Ist es also möglich, ihn in ein modernes Trainingssystem zu übertragen und die einzelnen Punkte als Schritte in der Ausbildung transparenter zu machen?

Der erste Schritt auf dem Weg zum Reitpferd muss ein physiologisch gut funktionierendes Bewegungsmuster in allen drei Grundgangarten sein. In der Skala der Ausbildung würde das dem Punkt „Anlehnung in Dehnungshaltung“ entsprechen. Diese Art von Training ermöglicht dem Pferd eine große Stabilität durch Faszienspannung. Es entsteht ein individueller Takt durch den Katapulteffekt der Sehnen.

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Schon jetzt ist es wichtig, mit geraderichtender Arbeit zu beginnen, weil so nach und nach gesunde Bewegungsmuster erarbeitet werden. Auf dem Zirkel entsteht eine ungleichmäßige Belastung, da die innere Körperhälfte vermehrt arbeitet und daher bereits hier muskulär gearbeitet werden muss. Auf der Innenseite ist in diesem Moment also weniger Faszienspannung vorhanden, die Kraft muss muskulär aufgebracht werden und muss dafür sorgen, dass beide Hintergliedmaßen gleichmäßig arbeiten, um die Vorhand zu schützen.

Im nächsten Schritt geht es um die funktionellen Leistungen, also um sportartspezifische Grundlagen. Durch die Beizäumung findet eine Entkopplung der Haltearbeit durch die Faszien statt. Was vorher durch die Faszien für das Pferd ohne Kraftaufwand gehalten wurde, muss jetzt muskulär getragen werden. Durch vermehrte Muskelarbeit wächst die Muskulatur. Der Takt rhythmisiert sich weiter, er bleibt nun auch in engeren Wendungen erhalten. Die Hinterhand bekommt langsam immer mehr Kraft, es entwickelt sich die Schubkraft. Das macht die geraderichtende Arbeit besonders wichtig, da die Schubkraft der Hinterhand unbedingt gleichmäßig sein soll! Jetzt ist es möglich, das Training auch kurz in den Sympathikustonus, also den „Kampf- und Fluchtmodus“, zu bringen, auf eine Rückführung in den Parasympathikustonus (Erholungs- und Regenerationsmodus) ist aber immer unbedingt zu achten!

Schritt 3 entspricht dem Training der sportartspezifischen Anforderungen an das Pferd. Mit einem Springpferd wird hier also die Sprungkraft trainiert, mit einem Distanzpferd die Ausdauer und mit einem Dressurpferd die Tragkraft. Zu beachten ist hier jedoch, dass das Erarbeiten der Versammlung für reine Spring-, Distanz- oder Freizeitpferde oft kontraproduktiv ist, da die benötigten Fähigkeiten wie Sprung- oder Schnellkraft zugungsten der Tragkraft abgebaut werden. Für die korrekte und physiologisch sinnvolle Versammlung des Pferdes braucht es viel Wissen, um nicht mehr zu schaden als zu helfen. Das heißt keinesfalls, dass ein Spring-, Distanz- oder Freizeitpferd nicht dressurmäßig gearbeitet werden sollte – ganz im Gegenteil! Hier ist allerdings nicht die Versammlung das Zauberwort, sondern eher die Arbeit an der Durchlässigkeit und das Feintuning an den benötigten technischen Fähigkeiten.

Wir sehen also deutlich, dass sich das moderne Pferdetraining zwar verändert hat und nicht mehr starr auf der Skala der Ausbildung beruht. Die Grundlagen bleiben jedoch die gleichen und so ist es eindeutig möglich, die Skala der Ausbildung in ein modernes Trainingssystem zu übertragen.


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