Benjamin Werndl: „Krass emotional“

Im Gespräch mit dem erfolgreichsten deutschen WM-Reiter Benjamin Werndl über Freude und Ängste, Pferde, das Scheitern, Reiten für Deutschland und natürlich über Aachen.

Es ist seine Zeit. Erst hat Dressurreiter Benjamin Werndl beim CHIO Aachen 2022 voll überzeugt, dann pulverisierte er eigene Bestmarken bei den Weltmeisterschaften im dänischen Herning. Wir haben den 38-jährigen studierten Betriebswirt im bayrischen Aubenhausen getroffen, wo er mit seiner Schwester, Olympiasiegerin Jessica von Bredow-Werndl, eine Reitanlage betreibt.

Sind Sie schon wieder im Alltag angekommen?
Ja, da bin ich wieder voll drin. Schon am Tag nach den Weltmeisterschaften war ich ja wieder hier in Aubenhausen und bin gleich alle Pferde geritten. Die ich übrigens sehr vermisst habe, in Herning bin ich ja die ganze Zeit nur ein Pferd geritten – das war echt ungewohnt.

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Mit Ihrer Zeit etwas anzufangen wussten Sie aber schon oder sind Sie ins Grübeln gekommen?
Beides. Denn so lange auf einem Turnier zu sein, war neu, das längste war bisher immer Aachen. Die WM war – vom Kopf her – sehr anstrengend und psychisch belastend. Da stellt man sich automatisch die Frage: Ist das das, was Du wirklich möchtest im Leben? Und rückblickend weiß ich: Ja, genau das will ich, dafür hab ich mein Leben lang schon gearbeitet. Aber das war schon krass emotional.

Diese Turnier- und Wettkampfsituation kennen Sie doch von klein auf.
Es war die Dimension, eine WM ist etwas völlig anderes. Ich reite eben nicht nur für mich, sondern für Deutschland. Das habe ich kurz vor der WM in Aachen ja erst zum ersten Mal erlebt. Und dieser Druck, den ich da verspürt habe, der kam nicht von außen, aber den spürst Du einfach, der ist da. Das war neu und sehr anstrengend. Aber: Das war auch sehr cool, denn ich habe es mir erarbeitet, so weit gekomnmen zu sein. Ich würde mich freuen, wenn ich das nochmal erleben darf.

Waren Sie darauf vorbereitet, wussten Sie, was Sie erwartet?
Ich war gut drauf vorbereitet, aber es zu erleben, ist nochmal etwas ganz anderes, das war schon extrem. Was mir geholfen hat, war, sich auch mit dem Worst Case auseinanderzusetzen: Was ist denn eigentlich, wenn das hier total in die Hose geht? Kann ja passieren. Und ich wusste: Dann ändert sich zum Glück nicht so viel, denn die wichtigsten Leute um mich herum, meine Familie, die hab ich ja immer noch. Und ich werde weiterhin das machen, was ich liebe, mit den Pferden und meinem Team arbeiten. Aber ganz plötzlich stellt man sich ziemlich elementare Fragen.

Und alles nur, weil Sie zuviel Zeit zum Reflektieren hatten?
Auch wahrscheinlich, ja. Es waren ja nicht nur die Wettkampftage, es geht lange drauf zu mit über einer Woche Vorbereitung. Doch diese Energie, die entstanden ist, war ja offensichtlich für irgendwas gut. Ich hab ja Ergebnisse geritten, die ich noch nie in meinem Leben erreicht habe.

Hat’s denn trotz des Drucks auch Spaß gemacht?
Im Viereck voll, davor eher mittel (lacht).

Haben Sie für solche Situationen Methoden entwickelt?
Unsere Überzeugung ist: Wenn Du in Deinem Leben im Gleichgewicht bist, dann bist Du natürlich in einer Extremsituation auch mehr im Gleichgewicht. Es geht nicht um Manipulation, oder darum, etwas zu unterdrücken. Und zusätzlich gibt’s konkrete Methoden, zum Beispiel über die Atmung ruhiger zu werden. Ich meditiere auch und bin einfach vorbereitet. Ganz wichtig ist für mich aber auch, dass ich meine Angst, zu versagen, akzeptiere. Ich versuche gar nicht erst, Angst zu unterdrücken. Denn je mehr Du das machst, desto mehr ploppt sie an anderer Stelle wieder auf. Ich stehe voll zu meiner Angst, zu meiner Unsicherheit, nehme die an und fokussiere mich ganz auf das, was ich kann, auf meine Stärken. Die Kunst ist ja, diesen Moment zu kriegen. Dass Du nur in diesem Moment bist und nirgendwo anders. Das ist ja nicht nur beim Reiten so – wenn Du am Berg kletterst und bist nicht total im Moment, stürzt Du ab. Genauso ist es auch beim Pferd – es gibt Dir direkt Feedback, es spiegelt Dich. Und wenn Du voll in dem Moment bist, dann kannst Du gemeinsam mit dem Pferd im Viereck strahlen.

Mit Angst umzugehen, zu akzeptieren, dass ein Turnier auch in die Hose gehen kann – ist das das Ergebnis einer langen Entwicklung?
Es ist definitiv erlernt. Wir beschäftigen uns mit Entwicklung in jeder Hinsicht. Dazu zählt natürlich auch Persönlichkeitsentwicklung. Wenn man so will, bereite ich mich seit 20 Jahren auf diesen Moment vor – und auf die, die hoffentlich noch kommen. Viel habe ich im Übrigen auch durch Misserfolge gelernt. Immer wieder bin ich gescheitert mit meinen Versuchen, ins deutsche Team zu kommen. Als es dann geklappt hat und ich das erste Mal im Team war, war es eine Explosion. Eine Glücksexplosion. Aber dahin zu kommen, war sauschwer.

WM und Glücksexplosion sind Geschichte – sind Sie danach in ein Loch gefallen?
Nein, erstmal bin ich alle Pferde geritten und habe mich über die tollen Pferde, die ich auch für die Zukunft habe, gefreut. Dann war ich im Urlaub, zwar nur fünf Tage aber es tat sehr gut, einfach mal mit der Familie weg zu sein, ohne Pferde. Und auch danach bin ich nicht in ein Loch gefallen, sondern im Gegenteil: Ich bin voll motiviert mit dem Blick nach vorne.

Voll motiviert war auch Ihr Pferd Famoso…
Er war schon in der Vergangenheit ein sehr besonderes Pferd für mich, von dem ich auch sehr viel gelernt hab. Das Besondere ist seine Verlässlichkeit. So etwas wie die Kür in Herning ist für ihn ja auch neu gewesen. Schon in Aachen im Deutsche Bank Stadion beim Spezial habe ich gespürt, dass Famoso dachte: „Was ist hier eigentlich los?“ 2022 war ja unser erstes Aachen. Und in dieser Situation, als es besonders schwer war, hat er mir besonders zugehört. Bei der Kür am Sonntag war es dann wieder so und in Herning auch. Je abnormaler die Atmosphäre ist, desto mehr hört er mir zu. Das ist eine besondere Leistung, weil es auch Pferde gibt, die genau das Gegenteil machen. Dazu kommen natürlich seine außergewöhnlichen Qualitäten, insbesondere Piaffe und Passage, da ist er absolute Weltspitze.

Das heißt, Famoso spürt den besonderen Moment?
Tja, das frage ich mich oft bei den Pferden: „Was denken die jetzt eigentlich“? Die wissen ja nicht, dass das eine WM ist oder dass Aachen Aachen ist. Ich versuche das auch so zu halten, dass ich ihm das Gefühl gebe „Hey, das ist nur ein Turnier“.

Bestand Herning nur aus Training-Konzentration-Hotel oder konnten Sie auch ein bisschen links und rechts gucken?
Es war schon einseitig. Ich hab meine Tage relativ ähnlich gestaltet: Joggen, Dressurfit-Übungen, Frühstücken, dann zum Turniergelände gefahren, Famoso erstmal Schritt geritten, Cappuccino getrunken, meditiert, in mich gegangen, Aufgabe durchgegangen, am Nachmittag nochmal trainiert, dann Abendessen und wieder ins Bett. Ich hab mir natürlich auch mal andere Reiter angeschaut, aber ich war ja nicht zum Urlaub machen dort. Ich war schon voll im Tunnel.

Hat Ihnen Ihr extrem gutes Abschneiden beim CHIO Aachen zuvor geholfen? Hat das Sicherheit gegeben?
Ganz sicher, das hat total geholfen. Dort konnte ich mir beweisen, dass ich mit dem Druck auch auf großer Bühne umgehen kann. Allerdings bin ich ja als junger Reiter schon öfter im Team gewesen und wenn es drauf ankam, war ich meistens besonders gut. Natürlich habe ich auch mal einen schlechten Tag, aber meistens bin ich richtig gut, wenn es wirklich drauf ankommt. Das ist eine Qualität von mir oder treffender: Von uns in Aubenhausen, denn Jessi und Raphi (Raphael Netz, der gerade dreifacher U25-Europameister geworden ist, d.Red.) haben das auch.

Wie haben Sie Aachen in diesem Jahr erlebt?
Da ich mit drei Pferden in der Soers war: Essen-Reiten-Schlafen. Und dann, ganz am Schluss, als ich für die WM qualifiziert war, da hab ich mich auf die Tribüne gesetzt und mir den Rolex Grand Prix angeschaut und bin zum ersten Mal zur Ruhe gekommen und hab mir gedacht: „Was ist das eigentlich für ein geiles Leben, das ich führe?“ (lacht)

Versuchen Sie, auch die anderen Disziplinen zu erleben, im CHIO-Village shoppen zu gehen, die Media Night zu besuchen…
Bei der Media Night war ich mit dem Team und das hab ich sehr genossen. Das Essen, die Organisation, das ist schon ein besonderer Abend. Auch da spürt man diese Professionalität. Das Shoppen würde ich gerne mehr genießen, aber mit so vielen Pferden war das dieses Mal nicht drin. Als ich in der Vergangenheit mal mit nur einem Pferd da war, habe ich mir die Vielseitigkeit angeschaut – sehr beeindruckend.

Genießen Sie diese aktuell so überaus erfolgreiche Zeit?
Naja. Alle sagen immer: „Genieß‘ es!“ Natürlich tue ich das, aber es ist eben auch sehr anstrengend. Ich genieße es vor allen Dingen rückwirkend. Bei meinem Pensum hatte ich nicht wirklich die Möglichkeiten, Aachen noch mehr zu genießen. Es ist toll, da einzureiten, das Publikum, die Stallungen, die Professionalität, das Flair, das ist ja einzigartig. Das beste Turnier der Welt für mich. Aber genießen? Als Zuschauer könnte ich das eher. Als Sportler bin ich – glücklicherweise – ein Teil der besten Reiter der Welt und stelle meine Leistung für die Zuschauer zur Verfügung. Ich bin gerne Teil davon und reite dort mit, aber das ist ein anderes Genießen. Es ist ein bisschen wie beim Wandern: Was ich sehr genieße, ist das Ankommen, Brotzeit machen, den Blick genießen… aber das Gehen selber ist eben nicht nur Genuss.

Ist Wandern für Sie der Ausgleich, um wieder zu Kräften zu kommen?
Mir gibt es was, ja. Wir wohnen hier nah an den Bergen. Ich bin bereits ein paar Mal vor wichtigen Turnieren auf den Berg gegangen, auch mal alleine. Mir gibt es Kraft. Mehr als mich nur auf die Couch zu legen. Wobei ich das auch mache, dann gerne mit einem Buch. Von Reinhold Messner zum Beispiel, ich habe ein paar seiner Bücher gelesen. Hängen geblieben ist sein „Schritt für Schritt, Griff für Griff“. Wenn Du am Anfang der Saison sagst „Ich will Dritter bei der WM werden“, ist das ein Riesenberg, der Weg dorthin unvorstellbar weit. Es ist das nächste Turnier und die Vorbereitung darauf und am Turniertag selber sind es dann das Einreiten, dann Grüßen, dann Antraben… Also wirklich Schritt für Schritt, Griff für Griff. Und dann schaust Du, wie weit Du kommst. Mir hat das sehr geholfen.

Wie war das im Corona-Lockdown: Sind Sie zur Ruhe gekommen oder waren Sie eher genervt?
Wir haben die Coronazeit ja nutzen können, haben Dressur-Fit und den Aubenhausen-Club entwickelt. Wir wollten zeigen, wie wir trainieren und wie dieses Training unser Reiten auf ein anderes Level bringt. Wobei das ja nicht durch Corona seinen Anfang genommen hat, sondern nur intensiviert wurde. Wir haben schon vor über zehn Jahren unsere Ziele, unsere Vision aufgeschrieben. Corona hat uns ermöglicht, noch intensiver an der Umsetzung zu arbeiten. Und dann habe ich mich auch persönlich gefragt: Ist das alles in meinem Leben? Denn nur vorher definierte Ziele zu erreichen kann es doch nicht sein. Dann kommst Du nämlich schnell in ein Hamsterrad. Deswegen gibt es neben der Vision vielleicht auch eine Mission. Was ist der tiefere Sinn? Was ist unser Warum? In Aubenhausen verfolgen wir das Ziel, Pferden zu helfen. Also mit ihnen zu kommunizieren, sie zu verstehen, auf eine freundliche Art zu trainieren. Wenn wir unsere Erfahrungen in die Welt tragen können, dann helfen wir vielleicht auch Pferden in Australien, in Neuseeland oder in Südafrika oder Indien.

Gab es auch Zweifel? Oder einen alternativen Lebensplan?
Den gab‘s schon. Ich war ja bei der Bundeswehr in Warendorf und da habe ich entschieden: Ein Leben mit den und für die Pferde, das will ich probieren. Und dann waren wir für fünf Jahre in einem Loch, dann habe ich studiert und in der Immobilienfirma meines Vaters gearbeitet und war mir dann echt nicht mehr so sicher. Ich war zu dieser Zeit auf einem Turnier mit vier Pferden, an jedem Tag war eine Prüfung, und ich bin ohne eine einzige Schleife nach Hause gekommen. Und das war schon der Punkt, an dem ich gedacht habe, also viel tiefer geht’s nicht. Aber dann haben wir zusammen mit meiner Familie entschieden, wir probieren es, wir gehen den Weg weiter. Wir haben uns gegenseitig Mut gemacht. Es gibt ja diesen Spruch „Gut wird nur, wer trotzdem weitermacht“.

Dreht sich bei Ihnen zuhause auch alles ums Reiten?
Nein, überhaupt nicht. Meine Frau ist keine Reiterin und auch nicht so sportfanatisch wie der Rest der Familie. Und das ist auch gut so, das ist ein Ausgleich. Bei uns geht’s um ganz normale Dinge wie in jeder anderen Familie auch. Mit einer Einschränkung: Meine Kinder reden nur über Pferde.

Welches sind Ihre Pferde für die Zukunft?
Oh, da sind schon ein paar Granaten dabei. Der Bruder von Dalera, Dallenio, er ist sieben. Dann Discover, er ist neun, der ist in der kleinen Tour in Aachen gegangen, ein ganz spannendes Pferd. Dann hab ich noch den Dionysos, der ist eine Herausforderung, aber verfügt über ein unglaubliches Potenzial. Und dann gibt es auch noch einige sehr gute Fünfjährige, das sind tolle Pferde!

Hier und heute: Sind Sie glücklich oder eher angespannt, weil Sie mit Ihren Erfolgen auch Erwartungen geweckt und Druck aufgebaut haben?
Ich bin erfüllt und sehr dankbar. Indem man sich auf das konzentriert, was man hat, kann ja jeder für sich die Entscheidung treffen, glücklich zu sein. Ich war auch vor der WM schon glücklich, natürlich vor allem wegen meiner Familie und meiner gesunden Kinder. Dankbar bin ich, weil ich meinen Traum leben kann. Dankbar auch für eine gewisse Genialität, die ich im Sattel und auf dem Pferd ausleben kann. Jeder hat etwas, das er gut kann. Und dass ich das ausleben darf, dafür bin ich sehr dankbar.

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