13. April 2024
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Mal eben drauf schauen reicht nicht

Von Christien Luckwaldt

Es ist wohl der Lieblingssatz eines jeden Therapeuten: „Kannst du mal eben drauf gucken?“ Meint im Regelfall das frisch verunfallte Pferd, die fußballgroß angeschwollene Beule vom Mückenstich oder den auf drei Beinen laufenden Hund. Im wirklichen Notfall gilt natürlich immer: Sofort den Tierarzt rufen!

Ansonsten:

Na klar. „Drauf gucken“ kann ich immer. Sichtbefund beim Pferd ergibt dabei meist Folgendes: Kopf vorhanden! Beine vorhanden, meist vier Stück. Schweif ist auch dran, Pferd steht im besten Fall. Also alles super. „Mal drauf gucken“ in dieser Form kostet, sofern der oder die TherapeutIn sowieso gerade da ist und wenige Minuten ihrer kostbaren Zeit opfern kann, meist auch nichts.

Ist aber meist auch nicht das, was die Kunden meinen. Anders herum ist eine anderthalbstündige Erstanamnese mit dem gewohnten Rechnungsbetrag lt. Gebührenordnung bzw Preisliste wohl auch nicht die richtige Antwort auf die gestellte Frage.

„Nur mal drüber gucken“ meint in der Regel erfahrungsgemäß folgendes: „Lieber Therapeut, ich habe schon gegoogelt und weiß was mein Pferd hat. Es kann nur die Zylinderkopfdichtung sein. Alternativ ISG (=Iliosakralgelenk. Rücken quasi). Du bräuchtest also wirklich nur das, was kaputt ist wieder heil zu machen. Denn der Rest ist ja heil. Und dann möchte ich aber auch nur die Zylinderkopfdichtung bezahlen, den Rest musst du ja auch nicht machen.“ Is klar…

Ein seriöser Therapeut wird selten bis nie eine Störung des Bewegungsapparates so lokal behandeln, dass er das restliche Pferd dabei völlig außer acht lässt. Denn im seltensten Fall ist es wirklich „nur“ die Zylinderkopfdichtung, sondern es sind oft eben noch viele weitere Kleinigkeiten, die im Endeffekt alle gemeinsam zu dem Problem führen, welches das Pferd zeigt. Und in vielen Fällen kommt die Lahmheit „vorne links“ gar nicht von vorne links, sondern von hinten rechts oder aus dem 18. Schweifwirbel. Alternativ vom rechtem Ohr. Es ist also IMMER (!) sinnvoll, das ganze Pferd zu betrachten und alle Körperstrukturen in die Untersuchung mit einzubeziehen. Das gilt natürlich besonders dann, wenn das Pferd beispielsweise einen Unfall hatte, gestürzt ist oder sich auf der Weide geprügelt hat. Gerade dann ist selten nur die „sichtbar kaputte“ Struktur betroffen.

„Nur mal gucken“ ist also nicht nur deshalb das rote Tuch vieler Therapeuten, weil es Zeitpläne durcheinander wirbelt oder Spontanität erfordert. Es geht viel mehr darum, dass „nur mal gucken“ und im besten Fall „nur kurz heilmachen“ genau das erfordert, was wir NICHT wollen, nämlich punktuell behandeln. Für punktuelle Versorgung einer Wunde, einer Verletzung etc. ist im besten Fall der Tierarzt da. Osteopathen und andere Komplementärmediziner sind aber dafür da, das Pferd als Ganzes zu betrachten. Als Individuum, als Lebewesen. Und nicht nur als kaputte Zylinderkopfdichtung. Schließlich will der Kunde im Normalfall ja auch „andere“ Ansätze und Ideen bekommen als die, die der Tierarzt schon gegeben hat. Dafür braucht es Zeit und den Blick fürs Ganze.

Fazit (und ich glaube, da kann ich für viele meiner Kollegen sprechen): Sprecht uns immer an, wenn ihr glaubt, dass wir „mal drüber gucken“ sollten. Aber gönnt euch und eurem Pferd die Zeit, eine Behandlung in Ruhe und mit Überblick durchführen zu lassen. Nicht nur das Pferd, sondern auch der Therapeut kann sich dann ganz anders in die Behandlung „einfühlen“. In einer entspannten Behandlungssitzung „erspürt“ ein Therapeut so viel mehr als wenn er „nur mal schnell drüber fühlt“. Wenn ihr das Geld für uns Therapeuten ausgebt, dann nehmt euch bitte die Zeit und achtet immer darauf, dass das Pferd ganzheitlich betrachtet wird.

Bei Fragen dürft ihr mich jederzeit gern kontaktieren. Was ihr nicht dürft, ist diesen Artikel allzu ernst zu nehmen…


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