Wärme- und Kälteempfinden bei Pferden
Von Christien Luckwaldt
Das Kälteempfinden des Pferdes wird in der Praxis häufig über Temperaturtabellen geregelt: Bei einer bestimmten Gradzahl wird eine bestimmte Deckenstärke empfohlen. Solche Tabellen können eine Orientierung bieten, sie ersetzen jedoch nicht die individuelle Beurteilung des einzelnen Pferdes. Die Fähigkeit des Pferdes, seine Körpertemperatur stabil zu halten – in der Fachsprache Thermoregulation genannt – ist ein komplexer Vorgang, der von vielen Faktoren beeinflusst wird: Fellzustand, Trainingsintensität, Fütterung, Wind, Nässe, Gesundheitszustand und nicht zuletzt vom individuellen Stoffwechsel und persönlichen „Befinden“ des Pferdes.
Pferde besitzen mit intaktem Winterfell eine erstaunlich hohe Kältetoleranz. Der Bereich, in dem ein Organismus ohne zusätzlichen Energieaufwand seine Körpertemperatur konstant halten kann, wird als thermoneutrale Zone bezeichnet. Beim Pferd liegt dieser Bereich deutlich niedriger als beim Menschen. Für ein gesundes, an den Winter angepasstes (akklimatisiertes) und ungeschorenes Pferd kann die sogenannte untere kritische Temperatur – also der Punkt, ab dem zusätzliche Wärme produziert werden muss – um den Gefrierpunkt oder sogar darunter liegen. Voraussetzung ist jedoch, dass das Pferd trocken ist, ausreichend Raufutter erhält und sich bewegen kann.
Das Winterfell wirkt wie eine isolierende Jacke. Zwischen den Haaren wird Luft eingeschlossen, die als Wärmepuffer dient. Durch kleine Muskeln an den Haarwurzeln kann das Pferd die Haare aufstellen und so diese isolierende Luftschicht vergrößern. Dieser Mechanismus funktioniert allerdings nur im trockenen Zustand. Wird das Fell nass, fällt die isolierende Wirkung weitgehend weg. Auch Wind verschlechtert die Isolation erheblich, da er die erwärmte Luftschicht aus dem Fell „herausbläst“. Deshalb kann ein nasses Pferd bei +5 °C stärker auskühlen als ein trockenes Tier bei −5 °C.
Sinkt die Umgebungstemperatur unter die individuelle Belastungsgrenze, steigert das Pferd seine Wärmeproduktion. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Verdauung im Dickdarm. Dort zersetzen Mikroorganismen das aufgenommene Heu. Dieser Prozess – die mikrobielle Fermentation – erzeugt Wärme. Heu wirkt daher im Winter wie eine „innere Heizung“. Eine ausreichende und möglichst kontinuierliche Raufutterversorgung ist für die Kälteresistenz entscheidend. Wird hier gespart, fehlt dem Pferd ein wesentlicher Teil seiner Wärmeerzeugung.
Die Schur verändert dieses System grundlegend. Sie wird vor allem bei Pferden eingesetzt, die regelmäßig intensiv gearbeitet werden. Schwitzt ein Pferd stark unter dichtem Winterfell, trocknet es nur langsam ab. Während dieser Zeit bleibt die Hautdurchblutung erhöht – das bedeutet, die Blutgefäße sind erweitert (Vasodilatation), um Wärme abzugeben.
Kühlt das Pferd in diesem Zustand aus, steigt das Risiko für Verspannungen oder Stoffwechselprobleme. Durch eine Teil- oder Vollschur wird die Schweißmenge im Fell reduziert und das Pferd trocknet schneller. Gleichzeitig wird jedoch ein erheblicher Teil der natürlichen Isolation entfernt. Das Pferd verliert die Möglichkeit, die Haare aufzurichten und seine Isolationsschicht selbst zu regulieren. Seine individuelle Kältegrenze verschiebt sich nach oben – es wird also früher frieren als mit vollem Winterfell.
Ab diesem Zeitpunkt übernimmt die Decke einen Teil der Isolationsfunktion. Allerdings kann eine Decke die natürliche Fellregulation nicht vollständig ersetzen. Häufig wird versucht, die richtige Deckenstärke anhand von Grammangaben und Außentemperaturen festzulegen. Dabei bleiben wichtige Einflussfaktoren unberücksichtigt: Wind, Niederschlag, Luftfeuchtigkeit, Sonneneinstrahlung, körperliche Konstitution, Muskelmasse, Alter oder Gesundheitszustand. Auch die Haltungsform spielt eine Rolle. Ein rangniedriges Pferd in einer Offenstallgruppe bewegt sich möglicherweise weniger und produziert dadurch weniger Eigenwärme.
Entscheidend ist deshalb nicht die Zahl auf dem Thermometer, sondern die Reaktion des Pferdes. Typische Anzeichen für Kältebelastung sind deutliches Muskelzittern, eine angespannte Rückenmuskulatur, ein eingeklemmter Schweif, reduzierte Aktivität oder unerklärlicher Gewichtsverlust trotz ausreichender Fütterung. Kalte Ohren allein sind kein verlässliches Zeichen, da der Körper bei Kälte die Durchblutung in den äußeren Bereichen drosselt (Vasokonstriktion), um die Kerntemperatur zu schützen. Umgekehrt weisen Schwitzen unter der Decke, feuchte Haut oder ein übermäßig warmes Fell auf eine Überwärmung hin.
Ein verantwortungsvolles Deckenmanagement bedeutet daher regelmäßige Kontrolle. Die Handprobe unter der Decke – insbesondere im Bereich von Schulter, Widerrist und Brust – liefert zuverlässigere Informationen als jede Tabelle. Fühlt sich die Haut angenehm warm und trocken an, ist die Isolierung passend. Ist sie kühl und das Pferd wirkt verspannt oder zeigt Kältesymptome, muss dicker eingedeckt werden – unabhängig von theoretischen Temperaturgrenzen. Schwitzt das Pferd, ist die Decke zu dick.
Pferde sind evolutiv an kühle und wechselhafte Klimabedingungen angepasst. Durch Schur und Eindecken greifen wir jedoch aktiv in dieses fein abgestimmte Regulationssystem ein. Umso wichtiger ist es, sich nicht an starren Zahlenwerten festzuhalten, sondern das individuelle Empfinden des Pferdes in den Mittelpunkt zu stellen. Letztlich entscheidet nicht die Außentemperatur, sondern das sicht- und fühlbare Wohlbefinden des Tieres darüber, ob und wie stark eingedeckt werden muss.



