Wintervergnügen: Schlittenfahren mit Pferden

Ein Kommentar von Christien Luckwaldt

Kaum fallen die ersten Schneeflocken vom Himmel, ist Social Media voll mit Bildern von Pferden vor dem Schlitten. Pferde vor dem klassischen Holzschlitten, Pferde die ihre Menschen auf Skiern durch die weiße Pracht ziehen, selten auch mal vor einem „richtigen“ Pferdeschlitten. Schaut man genauer hin, sieht man leider relativ häufig Dinge, die nicht nur fachlich falsch sind, sondern im schlimmsten Fall auch sehr gefährlich sein können. Zum Brustblatt umfunktionierte Longiergurte, dauerhaft befestigte Schlitten ohne Sicherheitsfunktion oder unterbrochene Zuglinien sind nur ein paar Beispiele dafür, wie man es auf keinen Fall machen sollte.

Bevor es hier zu Missverständnissen kommt, möchte ich noch einmal ganz deutlich darauf hinweisen: Es gibt viele gute Fahrer! Mit viel Pferdeverstand, mit viel technischem Know-How und ganz viel Erfahrung. Und natürlich spricht nichts dagegen, bei Schnee ein Fahrpferd vor den Schlitten zu spannen. Es geht mir hier vielmehr darum, für die Risiken zu sensibilisieren und Vorschläge zu machen, wie das Schlittenfahren mit Pferd sicher gestaltet werden kann.

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Die wohl größte Voraussetzung zum Schlittenfahren mit Pferd ist die, die wahrscheinlich am häufigsten einfach „übersehen“ wird. Ein Pferd vor dem Schlitten sollte eingefahren sein! Es sollte des Job als Zugtier kennen oder wenigstens in kleinschrittig aufgebauten Übungseinheiten kennengelernt haben, bevor es das erste Mal vor einen Schlitten gespannt wird. Ein nicht eingefahrenes Pferd „einfach mal eben so“ vor den Schlitten zu spannen ist ungefähr so, als würde man mit einem nicht eingerittenes Pferd „einfach mal eben so“ ausreiten gehen weil das Wetter heute so schön ist.

Der Fahrsport ist deutlich risikobehafteter als der Reitsport, weil im Falle einer Trennung von Pferd und Fahrer die Kutsche oder der Schlitten allein hinter dem Pferd her schleudert und nur allzu schnell umkippt oder dem Pferd in die Hinterbeine fährt, wenn nicht mit einer festen Schere gefahren wird. Wozu das führen kann möchte ich hier lieber nicht ausmalen. Das Pferd sollte also eingefahren sein oder den Zugjob kennen, beispielsweise vom Platz schleppen oder anderen „Trockenübungen“.

Wie auch beim Reiten muss die Ausrüstung von Fahrpferd und Fahrer absolut sicher sein. „Sicherheit, Zweckmäßigkeit und Pferdeschonung“ waren schon die Grundsätze des Vaters der Fahrkunst, Benno von Achenbach. Im besten Fall also ein auf das Pferd angepasstes Fahrgeschirr. Wer nicht regelmäßig mit der Kutsche unterwegs ist, aber trotzdem Schlitten fahren möchte, sollte wenigstens in ein gut sitzendes Brustblatt investieren, da nur so eine optimale Druckverteilung gewährleistet ist. Der umfunktionierte Longiergurt ist da genauso wenig eine Option wie einfach nur ein Seil um die Brust des Pferdes zu legen oder sich über zwei Stricke am Halfter ziehen zu lassen.

Wichtig ist auch die sichere Befestigung des Schlittens hinter dem Pferd. Keinesfalls sollte das Pferd oder die Zugstränge direkt und fest an den Schlitten gebunden werden, hier muss unbedingt ein Ortscheit zwischengebaut werden. Das Ortscheit ist mittig mit der Kutsche verbunden und nimmt rechts und links die jeweiligen Zugstränge auf. Läuft das Pferd vor der Kutsche, wird die entstehende Bewegung so auf das Ortscheit übertragen und das Brustblatt kann ruhig liegen und scheuert nicht.

Werden die Zugstränge direkt rechts und links am Schlitten befestigt, bewegt sich das Pferd innerhalb des Brustblattes, das sich aufgrund der starren Befestigung nicht mitbewegen kann. Eine aufgescheuerte Brust und der verlorene Spaß am Ziehen sind oft die Folge. Vorne in der Mitte des Schlittens ist das Ortscheit mittig angebracht, bei einem normalen Holzschlitten beispielsweise über ein stabiles Seil. Rechts und links in das Ortscheit werden dann die Zugstränge eingehängt. Die Verbindungen zwischen Zugsträngen und Ortscheit sollten so gestaltet sein, dass sie sich im Notfall in Sekundenschnelle lösen lassen. Das lässt sich beispielsweise über Sicherheitsschäkel realisieren, die auch im täglichen Fahrsport vor der Kutsche verwendet werden. Für den Einsatz am Schlitten kann es sogar sinnvoll sein, die beiden Schäkel so miteinander zu verbinden, dass man mit einer Handbewegung beide gleichzeitig auslösen kann. Kippt nun also der Schlitten oder geht das Pferd durch und der Fahrer fällt vom Schlitten, kann durch Zug am Auslösebändchen der Schlitten samt Ortscheit vom Pferd getrennt werden und das Pferd kann sich nicht mehr in dem Maße verletzen wie mit einem nachfolgenden Schlitten.

Die deutlich sicherere Variante ist der „richtige“ Pferdeschlitten, wie wir ihn aus dem Skiurlaub kennen. Gleich einer „normalen“ Kutsche ist hier eine Schere angebracht, die ein Auffahren des Schlittens auf das Pferd verhindert und dem Gespann deutlich mehr Stabilität gibt.

Schlitten fahren mit Pferd kann unglaublich viel Spaß machen, es kann aber auch wahnsinnig gefährlich sein – vor allem dann, wenn fehlendes Wissen und mangelhafte Ausrüstung Unfälle provozieren. Beachtet man jedoch ein paar Grundlagen, steht dem sicheren Schneevergnügen nichts mehr im Weg!

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