Faszinierende Faszien – und was sie mit unserem Körper machen

Was Andrew Taylor Still, der Begründer der Osteopathie, schon im 18. Jahrhundert wusste, wurde durch die heutige Forschung erst vor kurzer Zeit in den Mittelpunkt gerückt: „Die Faszien kommen überall im Menschen vor und geben der heutigen Welt ein großes Problem auf, das es zu lösen gibt“ (A. Taylor Still, 1902). Mittlerweile ist ein regelrechter Hype um das Gewebe entstanden, das den Körper bis in den kleinsten Winkel durchzieht und eigentlich nicht viel mehr ist als Bindegewebe. Denn so ist auch die deutsche „Übersetzung“ für das Wort „Faszie“. Faszien sind also alle Formen faseriger Bindegewebsstrukturen, die den Körper wie ein enges Netz umhüllen, durchdringen und strukturieren. Je nach Definition werden sogar Strukturen wie Bänder und Gelenkkapseln zu den Faszien gezählt. Die Faszien sind also ein großer Teil des Körpers. Kein Wunder, dass Probleme in diesem Bereich Auswirkungen auf den gesamten Körper haben: Ist eine fasziale Struktur verklebt oder durch andere Ursachen anderen Strukturen gegenüber nicht mehr gleitfähig, kann sich das auf den gesamten Körper auswirken.

Die Faszien geben dem Körper also seine Form, vor allem aber stabilisieren sie ihn in jeder Bewegung, ohne ihn jedoch in seiner Beweglichkeit einzuschränken. So wird eine hohe Effizienz erreicht, denn diese Haltearbeit müsste sonst durch Muskelkraft verrichtet werden.

Um dem Körper genau diesen Halt geben zu können, müssen die Faszien dauerhaft unter Spannung stehen. Dennoch müssen sie elastisch sein, um Bewegungen zu ermöglichen. Im Alter beispielsweise nimmt die Muskelmasse langsam ab, die Körperhaltung muss vermehrt über Faszienspannung getragen werden. Die Faszien werden also fester und das alte Pferd wird unbeweglicher. Verspannungen der Faszien können bei Pferden (und Menschen!) jeden Alters entstehen. Denn obwohl sie dauerhaft unter Spannung stehen, müssen die Faszien gegeneinander und gegen weitere Strukturen des Körpers verschiebbar sein. Ist dies nicht mehr der Fall, kommt es zu Faszienverklebungen und die Beweglichkeit wird in diesem Bereich eingeschränkt. Die Gefahr von Muskel-, Bänder- und Sehnenverletzungen steigt. Über verschiedene Faszientechniken ist ein Therapeut in der Lage, fasziale Problematiken zu lösen und so dem Pferd die verlorene Beweglichkeit zurückzugeben.

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Wir alle kennen das: Unter Stress neigt man zu Verspannungen der Muskulatur. Jedoch weiß man heutzutage, dass solche Formen der Verspannungen gar nicht aus der Muskulatur selber resultieren. In den Faszien sitzen kleine glatte Muskelzellen, die sogenannten Myofibroblasten, die durch das vegetative Nervensystem gesteuert werden und sich bei Stress oder jeglicher anderer Form von überschwelligen Reizen zusammenziehen und so die Faszie verspannen. Auch Angst oder Schmerzen können dieses Zusammenziehen der Myofibroblasten auslösen und damit vermeintlich Muskelschmerzen, aber auch Steifheit in Gelenken, Bändern und Sehnen verursachen. Eigentlich ursächlich hierfür sind aber nicht die Strukturen selber, sondern die sie umgebenden Faszien.

Forscher fanden heraus, dass Kängurus höher springen können, als es ihre Muskelkraft eigentlich erlauben würde. Dieses Prinzip, in dem Bewegung und Energie in den Sehnen gespeichert und dann über ein Federungssystem wieder abgegeben werden, nennt man Katapulteffekt. Auch er wird maßgeblich durch die Faszien und deren Tonus bestimmt. So ist ein Pferd mit viel Faszienspannung wie beispielsweise der Araber eher auf energiesparendes Zurücklegen großer Distanzen ausgelegt als ein Kaltblut mit wenig Faszienspannung, das für die gleiche Leistung viel mehr mit seiner Muskelkraft arbeiten müsste.

Wie aber kann ich Faszien nun gezielt trainieren? Faszien trainieren sich durch Belastungsreize. Je höher der Reiz, desto stabiler wird die Faszie. Nur durch korrektes Training wird dabei gleichzeitig die Mobilität und Gleitfähigkeit der Faszie erhalten. Faszien lassen sich gut in der Dehnungshaltung im Trab trainieren. Der Trab gibt genug Input auf die Faszien, schont aber die Gelenke. Das Pferd bewegt sich in seinem Tempo und ohne viel Muskelkraft innerhalb seiner Faszien. So können Faszien ohne große Muskelarbeit auftrainiert werden. Für das spätere Koordinationstraining der Faszien eignet sich weiterhin die Trabarbeit, nun aber verstärkt mit Tempowechseln oder Trabstangen und wenig Galopp, um immer wieder den Wechsel zwischen Faszien- und Muskelarbeit herzustellen.

In der Beizäumung entkoppelt man mehr und mehr das myofasziale System und das Pferd muss sich über Muskelkraft eigenständig stabilisieren. Um hier pferdeschonend zu arbeiten ist es wichtig, regelmäßig und in kurzen Abständen Abwechslung zu schaffen zwischen Faszienarbeit durch Dehnungshaltung und Muskelarbeit durch Aufrichtung.

Faszien sind also nicht nur ein großer Teil des Pferdekörpers, sondern auch ein absolut faszinierendes Thema, in das es sich lohnt, tiefer einzusteigen um das Pferd gesunderhaltend, schonend und sinnvoll zu trainieren.

Bei Fragen stehe ich Ihnen jederzeit gern zur Verfügung. Sie erreichen mich unter pferdetherapie@luckwaldt.de

 

Hier beispielweise dargestellt, wie sich eine Störung im Fasziennetz auf den gesamten Körper auswirken kann. (Foto: Luckwaldt)
Fasziale Probleme lassen sich oft nachhaltig über Tapeanlagen lösen, wie hier mit einem Spacetape in der Sattellage. (Foto: Luckwaldt)
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